Ankern oder Hafen?

Was ist schöner: ein Abend im Hafen oder eine ruhige Nacht vor Anker? Werner erzählt, warum beides zu einer Segelwoche in Kroatien gehört – und weshalb er persönlich meistens die Bucht bevorzugt.

Es gibt Abende auf einem Segeltörn, die könnten unterschiedlicher kaum sein.

Am einen Tag laufen wir in einen kleinen kroatischen Hafen ein. Die Boote liegen dicht nebeneinander, Menschen schlendern über die Uferpromenade, aus den Restaurants kommt Stimmengewirr und irgendwo klirren Gläser. Wir gehen an Land, essen vielleicht in einem Restaurant und verbringen den Abend mitten im Ort. Am nächsten Tag kann alles ganz anders sein.

Wir liegen in einer Bucht vor Anker. Kein Hafen, keine Promenade und vielleicht nur ein paar andere Boote in der Umgebung. Irgendwann wird es ruhig. Man hört leise das Wasser am Rumpf, sitzt noch lange draussen und schaut in einen Himmel, der ohne die Beleuchtung eines Ortes plötzlich ganz anders aussieht.

Ich mag beides. Aber wenn ich wählen kann, zieht es mich meistens in die Bucht.

Ein Hafenabend gehört für mich trotzdem zu einer Segelwoche

Ich möchte Häfen keineswegs schlechtreden. Im Gegenteil: Es gibt viele kroatische Hafenorte, in denen ich sehr gerne liege. Komiža auf Vis gehört für mich dazu. Maslinica auf Šolta ebenfalls. Solche Orte sind ein schöner Kontrast zu den Tagen in Buchten. Nach dem Festmachen kann man direkt vom Boot an Land gehen, durch die Gassen laufen, etwas trinken oder am Abend in einem Restaurant essen.

Gerade wenn eine Crew Lust auf einen schönen Abend an Land oder etwas Sightseeing hat, gehört ein Hafen für mich selbstverständlich zur Route. Maslinica ist dafür ein gutes Beispiel. Der Ort ist überschaubar, der Hafen liegt mitten im kleinen Küstenort und rundherum gibt es mehrere Restaurants. Oberhalb des Ortes liegt das Restaurant Šampjer. Von dort hat man einen weiten Blick über das Meer und die vorgelagerten Inseln. Das sind Abende, die ich ebenfalls geniesse. Und manchmal ist es angenehm, nach einigen Tagen an Bord wieder etwas mehr Leben um sich herum zu haben.

Katamaran CATA DEL MAR im Hafen von Milna

Im Hafen ist man mittendrin – mit allen Vor- und Nachteilen

Ein Hafen bedeutet aber auch: Man ist selten allein.

Gerade in der Saison liegen die Schiffe teilweise sehr dicht nebeneinander. Der Nachbar sitzt vielleicht nur wenige Meter entfernt in seinem Cockpit. Man hört Gespräche, Musik, Motoren oder Menschen, die über die Mole laufen. Liegt man direkt an einer Stadt- oder Hafenmauer, kann hinter dem Heck bis spät am Abend Betrieb sein. Das muss überhaupt nicht störend sein. Es gehört einfach zu einem Hafen dazu.

Wer gerne mitten im Geschehen ist, wird genau das mögen. Man steigt vom Schiff und ist sofort im Ort. Restaurants, Bars und kleine Geschäfte liegen direkt vor einem. Niemand muss mit dem Dinghy an Land fahren und man kann jederzeit wieder zurück aufs Boot. Aber Privatsphäre sieht anders aus, weil ein grosser Teil des Lebens draussen stattfindet. Wir sitzen im Cockpit, auf der Flybridge oder auf dem Vordeck. Wenn das nächste Schiff direkt neben uns liegt, teilen wir diese Atmosphäre zwangsläufig ein Stück weit mit unseren Nachbarn.

Katamaran dicht an dicht im Hafen.

Und dann gibt es diese Abende vor Anker

In einer Bucht verändert sich das Gefühl vollkommen.

Schon wenn der Motor verstummt und das Boot ruhig liegt, beginnt für mich ein anderer Teil des Tages. Vielleicht sind noch einige andere Schiffe in der Bucht. Vielleicht haben wir Glück und es sind nur sehr wenige. Aber selbst wenn mehrere Boote dort liegen, hat man normalerweise deutlich mehr Abstand zueinander als in einem Hafen. Und genau dieser Raum macht für mich einen grossen Unterschied.

Niemand läuft direkt hinter dem Boot vorbei. Kein Nachbar sitzt praktisch neben unserem Cockpit. Man kann sich zurücklehnen und hat plötzlich das Gefühl, tatsächlich mitten in der Landschaft zu liegen. Manchmal gehen wir noch schwimmen. Manchmal passiert überhaupt nichts mehr. Und gerade dieses „nichts“ ist für mich einer der schönsten Teile eines Segeltörns.

Ein Katamaran liegt still in einer Bucht, der Blauen Lagune in Kroatien.

Essen an Bord oder mit dem Dinghy an Land

Eine Nacht in einer Bucht bedeutet nicht automatisch, dass wir den ganzen Abend auf dem Schiff bleiben müssen. Gibt es in der Nähe ein Restaurant, fahren wir mit dem Dinghy an Land. Das gehört für mich genauso zum Segelurlaub.

Man steigt nicht vor einem Restaurant aus dem Taxi, sondern fährt vom eigenen Boot mit dem Beiboot hinüber. Nach dem Essen geht es auf demselben Weg wieder zurück. Das ist etwas völlig anderes als ein normaler Restaurantbesuch an Land. Und wenn es in der Bucht kein Restaurant gibt, essen wir eben an Bord. Auch das mag ich.

Crew eines Katamarans beim Essen vor Anker

Der Tisch steht im Cockpit, das Meer ist direkt neben uns und niemand muss noch irgendwohin. Danach bleiben wir einfach sitzen. Es braucht nicht jeden Abend ein Programm.

Die Ruhe kommt oft erst später

Tagsüber können auch Buchten lebendig sein. Ausflugsboote kommen und gehen, Menschen baden, Dinghys fahren zwischen den Schiffen und an beliebten Plätzen kann einiges los sein. Aber gegen Abend verändert sich vieles.

Die Tagesgäste verschwinden, einige Yachten fahren weiter und die Geräusche werden weniger. Dann beginnt für mich die schönste Zeit. Wir sitzen draussen, unterhalten uns und irgendwann ist fast nur noch das Wasser zu hören. Wenn der Himmel klar ist, liegen wir vielleicht noch lange auf dem Vordeck und schauen zu den Sternen. Man muss nichts tun. Man muss nirgendwo hin. Und man muss auch nicht überlegen, wann man zurück aufs Schiff möchte – man ist bereits da.

Der Morgen ist vielleicht sogar noch schöner

Was ich an einer Nacht in einer Bucht besonders mag, ist der nächste Morgen. Ich bin Frühaufsteher und gehe gleich nach dem Aufstehen mit dem ersten Kaffee nach draussen. Die Bucht liegt noch ruhig vor einem. Die Sonne geht gerade erst über den Hügeln oder dem Horizont auf. Das Wasser ist oft noch fast unberührt und der Tag hat noch nicht wirklich begonnen. Dann mit einem Kaffee draussen zu sitzen, bevor irgendwo Betrieb entsteht, ist für mich purer Luxus. In einem Hafen erwacht morgens irgendwann der Ort. Lieferanten kommen, Menschen laufen über die Mole, Nachbarboote bereiten sich auf die Abfahrt vor. Irgendwo schleift vielleicht schon einer an seinem Boot herum. In einer ruhigen Bucht beginnt der Morgen dagegen fast lautlos. Und genau diese Momente sind einer der Gründe, warum ich so gerne ankere.

Sonnenaufgang mit Katamaran in der Blauen Lagune in Kroatien.

Trotzdem möchte ich nicht eine Woche lang nur in Buchten liegen

Auch wenn meine persönliche Präferenz eindeutig ist, würde ich daraus niemals eine Regel für unsere Gäste machen. Eine Segelwoche lebt vom Wechsel.

Eine Nacht in einer ruhigen Bucht kann fantastisch sein. Aber zwei Tage später kann es genauso schön sein, in Komiža einzulaufen, durch den Ort zu schlendern und am Abend an Land zu essen. Oder in Maslinica festzumachen und einfach dortzubleiben, weil uns der Ort gefällt. Es gibt einige Häfen, in denen ich gerne auch mal, z.B. bei schlechterem Wetter, ein oder zwei Tage verbringen kann, ohne dass mir langweilig werden würde.

Maslinica gehört für mich dazu. Ich mag dort die Kombination aus kleinem Hafen, überschaubarem Ort, Restaurants und der Landschaft rundherum. Es fühlt sich anders an als eine grosse Marina oder ein stark frequentierter Stadthafen. Und genau deshalb ist die Frage „Hafen oder Anker?“ für mich eigentlich falsch gestellt. Wir brauchen nicht entweder das eine oder das andere.

Katamarane im Hafen von Maslinica Insel Šolta.

Was passt heute zur Crew?

Viel wichtiger ist die Frage: Worauf haben wir heute Lust? Möchten wir am Abend an Land gehen, durch einen Ort laufen und essen gehen? Dann ist ein Hafen vielleicht genau richtig. Möchten wir nach einem Segeltag einfach Ruhe, schwimmen, an Bord essen und den Abend unter freiem Himmel verbringen? Dann suchen wir eine passende Bucht.

Das kann sich während einer Woche mehrfach ändern. Und genau deshalb halte ich wenig davon, Monate vor einem Törn jeden Abend verbindlich festzulegen. Natürlich haben wir eine Vorstellung von unserer Route. Wir wissen, welche Inseln und Orte interessant sein könnten. Aber Wetter, Bedingungen und die Wünsche der Crew entscheiden mit.

Manchmal ist der ursprünglich geplante Hafen genau richtig. Und manchmal liegen wir am Nachmittag in einer schönen Bucht und stellen fest: Warum sollten wir eigentlich noch weiterfahren?

Meine Wahl? Meistens die Bucht

Wenn ich persönlich entscheiden darf, ist die Antwort ziemlich eindeutig. Ich ankere lieber, vorausgesetzt die Bedingungen stimmen.

Ich mag die Ruhe, den Abstand zu anderen Schiffen und das Gefühl, am Abend nicht mehr mitten in einem Ort zu sein. Ich mag es, lange draussen zu sitzen, Sterne zu sehen und morgens mit einem Kaffee auf eine ruhige Bucht zu schauen. Das bedeutet nicht, dass ich Häfen vermeiden möchte.

Im Gegenteil: Ein kleiner Hafen wie Maslinica oder Komiža kann genau der richtige Ort für einen Abend oder auch einmal für zwei Tage sein. Aber wenn wir eine schöne, geschützte Bucht finden, die Bedingungen passen und niemand an Bord unbedingt noch in einen Ort möchte, brauche ich meistens nicht lange zu überlegen. Dann bleiben wir.

Katamarane in einer kroatischen Bucht vor Anker

Und sehr oft sind es genau diese Abende, an die man sich nach einer Segelwoche besonders gerne erinnert.