Milna: Manchmal ist Bleiben die beste Entscheidung

Milna auf Brač ist für mich mehr als ein schöner Hafen. Eine Wetterlage im September 2024 hat mir dort wieder einmal gezeigt, warum gute Törnplanung manchmal bedeutet, die Leinen einfach festzulassen.

Es gibt Häfen, die fährt man an, weil sie gerade günstig auf der Route liegen. Und es gibt Häfen, bei denen man sich freut, wenn die Tagesetappe genau dort endet. Milna auf Brač gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Dabei ist die Einfahrt beim ersten Mal fast ein wenig irritierend. Wenn man Milna nicht kennt und sich von See nähert, fragt man sich zunächst, wo hier eigentlich ein richtiger Hafen sein soll. Dann öffnet sich auf der Backbordseite plötzlich die langgezogene Bucht und reicht tief in die Insel hinein. Ganz hinten liegt Milna.

Rund um die Bucht zieht sich der Ort mit seiner grossen Kirche, kleinen Geschäften, Bars und Restaurants. Milna ist nicht besser als andere schöne Häfen in Dalmatien. Das würde ich gar nicht behaupten. Aber für mich hat der Ort etwas Romantisches und vor allem etwas angenehm Unaufgeregtes. Und Milna liegt einfach verdammt praktisch.

Ein Hafen mitten im Revier

Von Trogir kommend liegt Milna ideal, wenn wir anschliessend weiter Richtung Hvar wollen. Genauso eignet sich der Ort als letzter Stopp auf dem Rückweg nach Trogir.

Direkt bei der Einfahrt liegt auf der Steuerbordseite eine gut anzufahrende Tankstelle. Wenn wir auf dem Rückweg sind und die Bedingungen erwarten lassen, dass wir den Rest bis Trogir segeln können, tanken wir deshalb gerne schon hier.

Hafen von Milna bei Nacht an Bord des Katamarans.

Meistens liegen wir etwas weiter hinten in der Marina. Von dort ist man schnell im Ort und gleichzeitig gut geschützt. Und Schutz kann in Milna ziemlich wichtig werden. Denn manchmal entscheidet nicht der ursprüngliche Törnplan darüber, wie lange man bleibt, sondern das Wetter.

Wenn wir in Milna sind, gehört Bago für mich dazu

Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich gerne nach Milna komme. Am anderen Ende der Bucht liegt das Fischrestaurant Bago. Zu Fuss sind es von der Marina ungefähr 20 bis 25 Minuten. Nach einem Tag an Bord ist ein bisschen Bewegung ohnehin nicht die schlechteste Idee.

Das Restaurant wird von einem Fischer und seiner Frau betrieben. Sie spricht hervorragend Deutsch und kommt während der Saison immer wieder bei den Booten vorbei, verteilt ihre Flyer und lädt die Crews persönlich ins Restaurant ein.

Das Denkmal "der Fischer" beim Restaurant Bago in Milna.

Für mich gehört ein Abend bei Bago inzwischen einfach zu Milna. Wer hingehen möchte, sollte vorher reservieren. Besonders schön sind die Plätze auf der Terrasse mit Blick über die Bucht. Dann sitzt man dort am Abend, schaut über das Wasser zurück nach Milna und bekommt hervorragenden frischen Fisch. Viel mehr brauche ich eigentlich nicht für einen gelungenen Abend. Dem Fischer Bago hat die Gemeinde sogar ein Denkmal gestiftet. Man sagt, er sei der letzte echte Berufsfischer in Milna.


Aber ich verbinde mit Milna auch eine ganz andere Erinnerung.

September 2024

Wir waren Anfang September 2024 unterwegs und hatten die Wetterentwicklung schon eine Weile beobachtet. Zwei Tage zuvor lagen wir noch in Primošten. Es war absehbar, dass sich die Wetterlage deutlich verschlechtern würde. Dort zu bleiben hätte bedeutet, später einen grossen Teil des Rückwegs Richtung Trogir unter Maschine gegen stürmisches und regnerisches Wetter anzukämpfen. Darauf hatten wir keine Lust.

Aufkommendes Schlechtwetter vor der kroatischen Küste.

Also änderten wir unseren Plan, fuhren rechtzeitig los, gingen hinter Šolta Richtung Süden und liefen Milna an. Schon unterwegs hatten wir zeitweise Gegenwind mit bis zu 35 Knoten. Das eigentliche schlechte Wetter war noch nicht da, aber für uns war klar: Das könnte unangenehm werden. Also: Deckung suchen. Milna. Und dann bleiben die Leinen unter Umständen eben fest.

23 09 2026 09 17 48

Die Frau mit dem Bali

Am zweiten Tag, als draussen eine heftige Tramuntana tobte, sprach mich auf dem Pier die Skipperin des neben uns liegenden Bali-Katamarans an. Eine Deutsche. Sie hatte Kinder an Bord. Ich war gerade dabei, eine zusätzliche achtere Spring auszubringen, weil unser Boot durch den Wind immer wieder seitlich am Steg versetzt wurde.

Sie wollte meine Einschätzung zum Wetter wissen. Ich sagte ihr ziemlich klar, was ich davon hielt: Mit diesem Katamaran würde ich bei dieser Wetterlage nicht rausfahren. Und mit Kindern an Bord schon gar nicht. Ich fragte sie, ob sie die aktuellen Seewetterwarnungen und NAVTEX-Meldungen von Split Radio gelesen habe. Ihre Antwort werde ich wahrscheinlich nicht vergessen: „Was ist NAVTEX?“ Ich dachte zunächst, ich hätte sie falsch verstanden, aber sie wusste es wirklich nicht. Das sind die absoluten Basics für einen verantwortungsvollen Skipper und werden übrigens in jeder seriösen Segelausbildung gelehrt. Also erklärte ich ihr, worum es ging und dass die aktuellen Seewetterinformationen für die Adria alles andere als einen gemütlichen Segeltag erwarten liessen. Sie erklärte mir daraufhin ihr eigentliches Problem: Sie müsse nach Dubrovnik. Das Boot müsse zurück. Dumm gelaufen mit der Törnplanung, dachte ich. Aber ein Übergabetermin ändert das Wetter nicht.

Das Boot muss zurück

Das ist eine Situation, die beim Chartern nur allzu oft auftritt: Crews schätzen Distanzen falsch ein, fahren zu weit, der Rückgabetermin steht fest und null Reserve, wenn das Wetter nicht mitspielt. Vielleicht wartet bereits die nächste Crew. Man ist noch zu weit von der Basis entfernt. Und plötzlich heisst es: Wir müssen zurück, egal um welchen Preis.

Nein. Ein Boot muss nicht um jeden Preis pünktlich zurück. Ich riet ihr dringend davon ab auszulaufen. Lieber einen Tag später ankommen, mit der Charterbasis telefonieren und möglicherweise eine unangenehme Diskussion führen, als die eigene Crew einem unnötigen Risiko auszusetzen. Über Funk waren an diesem Tag bereits mehrere Notmeldungen zu hören. Aufgrund der geografischen Lage von Milna konnten wir nicht sehen, wie es draussen Richtung Splitska Vrata tatsächlich aussah. Aber wir mussten es auch nicht sehen. Die Informationen, die wir hatten, reichten mir. Dort wollte ich zu diesem Zeitpunkt nicht sein.

Sie sind trotzdem gefahren

Am Nachmittag legte der Bali ab. Ich sah ihnen hinterher und hatte kein gutes Gefühl dabei. Was später aus der Crew geworden ist, weiss ich nicht. Und deshalb möchte ich darüber auch nicht spekulieren. Ich weiss nur, dass ich unter diesen Bedingungen nicht ausgelaufen wäre. Für mich gehört genau diese Entscheidung zur Verantwortung eines Skippers. Man muss nicht beweisen, dass man bei viel Wind ein Schiff bewegen kann. Man muss entscheiden können, wann es sinnvoll ist – und wann nicht. Das gilt umso mehr, wenn Menschen an Bord sind, die sich darauf verlassen, dass derjenige am Steuer weiss, was er tut.

Was in diesen Tagen vor Milna passierte

Dass unsere Vorsicht nicht unbegründet war, zeigte sich sehr deutlich. In der Nacht vom 5. auf den 6. September 2024 traf eine schwere Tramuntana Milna. Mehrere Yachten wurden in den Buchten rund um Split und den vorgelagerten Inseln auf die Felsen gedrückt und schwer beschädigt. Menschen mussten von den Booten evakuiert werden.

Einige Tage später wurde ein zuvor gesunkener Katamaran mit Schwimmkörpern versehen in unsere Heimatmarina Baotić geschleppt. Ich habe davon noch heute ein Video. Später wurde das Schiff zur Verschrottung in die gegenüberliegenden Werft gebracht.

Vom damaligen Basisleiter erfuhr ich persönlich, dass seine Charterfirma während dieser Wetterlage fünf Schiffe verloren hatte. Unabhängig überprüfen kann ich diese Zahl nicht. Aber wenn man die Schäden vor Ort gesehen hatte, musste einem niemand mehr erklären, welche Kräfte dort gewirkt hatten. In jener Nacht erfüllte sich der Albtraum eines jeden Skippers.

Ein leckgeschlagener Katamaran mit Schwimmkörpern in der Marina.

Und die nächste Wetterverschlechterung kündigte sich bereits an. Am 8. September warnte Split Radio über NAVTEX für die folgende Nacht und den nächsten Tag vor südöstlichen bis südwestlichen Böen von 35 bis 45 Knoten, in Teilen der mittleren und südlichen Adria sogar bis 50 Knoten. Das sind keine Bedingungen, bei denen ich wegen eines Übergabetermins diskutiere, ob wir vielleicht doch noch schnell losfahren. Dann bleiben wir. Punkt.

Zwei herrliche Tage im Hafen

Und genau das ist vielleicht das Merkwürdige an dieser Geschichte. Während draussen ein Wetter tobte, in dem ich ganz sicher nicht unterwegs sein wollte, verbrachten wir in Milna zwei richtig schöne Hafentage. Wir gingen essen. Liefen durch den Ort. Sassen in den Bars. Schauten nach dem Boot und den Leinen. Beobachteten das Wetter. Kein Stress. Kein Kampf gegen Wind und Welle. Kein Termin, den wir unbedingt einhalten mussten.

Natürlich fährt niemand nach Kroatien, um zwei Tage eines Segeltörns im Hafen auf besseres Wetter zu warten. Aber Wetter gehört zum Segeln. Und wer versucht, seinen vorher geschriebenen Wochenplan gegen die Realität durchzusetzen, hat aus meiner Sicht etwas Grundsätzliches nicht verstanden.

Warum ich Milna mag

Vielleicht ist genau deshalb Milna für mich mehr als nur ein hübscher Hafen auf Brač. Natürlich mag ich die grosse Kirche im Zentrum. Die Bars. Die Restaurants. Den Spaziergang rund um die Bucht und unseren Abend bei Bago.

Restaurant Bago in Milna Insel Brač Kroatien

Ich mag auch diese besondere Einfahrt, bei der sich die Bucht erst nach und nach öffnet. Und die Lage ist für unsere Törns nahezu ideal: Richtung Hvar, auf dem Rückweg nach Trogir oder einfach dann, wenn draussen Bedingungen herrschen, bei denen wir lieber einen sicheren Hafen haben.

Aber seit September 2024 verbinde ich Milna noch mit etwas anderem. Mit einer Entscheidung, die für mich beim Segeln selbstverständlich sein sollte: Ein Törnplan ist ein Plan. Nicht mehr.

Das Wetter interessiert sich nicht dafür. Das Meer interessiert sich nicht dafür. Und schon gar nicht dafür, wann das Charterboot zurückgegeben werden soll.

Manchmal besteht gute Seemannschaft nicht darin, die richtige Route zu wählen. Sondern darin, die Leinen einfach noch einen Tag festzulassen.